No Reform, No Revolution! What We Need Is Evolution.

Die Eliten

Das unser Gesellschaftssystem gröbere Probleme hat, wird immer mehr Menschen bewusst. Diese Menschen eint nicht die politische Gesinnung, aber der Wunsch nach Veränderung. Linke wie auch rechte Menschen kommen zum Schluss, dass unser System von „Eliten“ beherrscht wird und hier etwas geändert werden muss. Wie diese Veränderung aussehen soll, unterscheidet die politischen Gruppierungen voneinander. Die einen wollen Reform, die anderen wollen Revolution.

Bleiben wir vorerst jedoch bei der Gemeinsamkeit, der Analyse von „Eliten“ beherrscht zu werden. Ein System in dem „Eliten“ das Sagen haben, wird Hierarchie genannt. Links wie auch Rechts glaubt also an ein Gesellschaftssystem, dass wie eine große Pyramide aufgebaut ist. Beim Aufbau einer Pyramide ist interessant, dass die Oberen Steine von den Unteren getragen werden. Die oberen Steine sind also abhängig von den unteren. Ohne die Steine unten, gäbe es kein Oben.

Im Grunde ist eine Hierarchie ein großes Schneeballsystem. Die Vielen arbeiten für den Wohlstand der Wenigen. Es liegt in der Natur einer Hierarchie, dass sie eine unterdrückende Funktion einnimmt. Denn wie bei der Pyramide drückt der obere Stein auf den unteren. Der Untere muss die Last des Oberen mittragen, während die Spitze, die Elite, Freiheit und gute Aussicht genießen kann. Das bedeutet die Wenigen machen die Regeln, bei ihnen konzentriert sich die Macht. Im Grunde hat sich also seit Anbeginn der menschheitsgeschichtlichen Aufzeichnung nicht viel verändert. Zwar wurden gewisse Hierarchien von anderen abgelöst, aber die Machtkonzentration in wenigen Händen ist geblieben. Vom antiken Ägypten bis heute scheint die Menschheit ihre Faszination für Pyramiden nicht überwunden zu haben.

Reform & Revolution

Kommen wir nun zu den Unterschieden. Rechte Gruppierungen sind in ihrem Kern meist konservativ. Das bedeutet sie sind grundsätzlich einverstanden mit dem Status Quo, also dem „Ist-Zustand“ des Systems. Es geht ihnen nicht darum das System zu ändern, sondern Änderungen im System vorzunehmen, um einzelnen Probleme des Systems auszumerzen. Dementsprechend sind rechts Gesinnte meist für Reformen. Eine Reform ist im Grunde eine Regeländerung. Das Spiel bleibt das Gleiche. Eine Reform ist nie eine reale Veränderung der Machtverhältnisse, immer nur ein kleines Machtzugeständnis. Nehmen wir Monopoly als bildliches Beispiel: eine Reform wäre es, wenn gewisse Spielfiguren 2000€ mehr fürs Über-Los gehen bekommen. Es würde eine Zeitlang helfen, aber irgendwann sind die Mieten so hoch, dass sie sich keiner mehr leisten kann.

Linke Gruppierungen sind im Kern progressiv. Das bedeutet sie sind mit dem Status Quo nicht einverstanden. Sie wollen daher den „Ist-Zustand“ des Systems verändern. Daher wünschen sie sich Revolutionen. Eine Revolution ist immer gegen das herrschende System gerichtet. Somit ist eine Revolution nicht nur eine Änderung im bestehenden System, sondern eine Änderung des Systems. Es sollen also nicht die Regeln geändert werden, sondern ein anderes Spiel gespielt werden. Monopoly in der 10. Generation ist für die meisten einfach nicht lustig. Deshalb soll ein neues Spiel her, das die Machtverhältnisse neu verteilt.

Positionierung

Ich persönlich ordne mich heute dem linken Teil des politischen Kompasses zu, aber das war nicht immer so. Ich forderte lange Reformen im System. Mir war es damals nicht bewusst, aber als ich Reformen forderte, forderte ich neoliberale Politik. Viele Medien portraitieren diese Politik als links und ich glaubte das lange. Nachdem ich später mehr über neoliberale Ikonen wie Margaret Thatcher oder Ronald Regan erfahren habe, verging mir dieser Glaube. Die Wahrheit ist: neoliberale Politik befindet sich am rechten Teil des politischen Kompasses. Vereinfacht kann man sagen, neoliberale Politik ist die rechte Linke.

Irgendwann kam ich an den Punkt, dass mir eine Reform sinnlos erschien. Daraus schlussfolgerte ich, dass eine Revolution die Lösung sein könnte. Ich plädierte jetzt 3 Jahre lang für eine allumfassende Revolution unserer Lebensrealität, doch in den letzten Tagen bekam ich Zweifel, ob 1) eine Revolution wirklich die Lösung ist und ob 2) wir uns eine Revolution überhaupt leisten können.

Zweifel

Die Zweifel zu Punkt 2 kamen zuerst. Eine Revolution ist meist nicht nur eine Systemänderung, sondern sehr oft auch eine Entladung von gesellschaftlicher Wut, die sich vollkommen zurecht angestaut hat. Ganz grundsätzlich macht das eine Revolution zu einer dekonstruktiven Macht. Eine Revolution ist das wütende Kind, dass nicht verlieren kann und deshalb das ganze Spiel zerfetzt. Das eine Revolution dekonstruktiv ist, sieht man auch sehr gut in der Rhetorik und Wortwahl revolutionsaffiner Menschen. „Niederbrennen“ oder „Zerschlagen“ sind Beispiele, die man in der Linken immer wieder hört. Das herrschende System soll zerstört werden, um ein Neues aufzubauen. Wie der Phönix aus der Asche.

Meine Zweifel drehen sich genau um diese Tatsache, dass eine Revolution immer eine dekonstruktive Entladung ist. Ich habe Zweifel, dass eine solche Entladung von unserer Umwelt nicht mehr verkraftet werden kann. Vor allem wenn man militärische Möglichkeiten der Gegenwart bedenkt, scheint es unwahrscheinlich, dass unsere stark geschwächte Lebensgrundlage nach dem „niederbrennen“ wiederaufgebaut werden kann. Unsere Lebensgrundlage, dieser Planet, ist durch zunehmendes dekonstruktives Verhalten der Menschheit bereits enorm geschwächt. Wir müssen nichts mehr anzünden, unsere Welt brennt bereits wortwörtlich. Wir sollten nicht mehr zündeln, sondern versuchen das Feuer zu löschen, aber das geht halt nicht mit Benzin. Wut ist Benzin, es ist ein Katalysator, ein Treibstoff, ein Brandbeschleuniger.

„Gerechtigkeit“

Revolutionen entstehen meist dann, wenn die Machtkonzentration hoch ist und der Großteil der Bevölkerung somit schon viel einstecken musste. Der Frust wächst somit langsam in der Gesellschaft und entlädt sich dann als Wut auf die bestehenden Verhältnisse. Kaputt machen, um aufzubauen. Ein Rundumschlag, der von tiefen Gefühlen der Ungerechtigkeit angetrieben wird, hat zumeist ein Bedürfnis „Gerechtigkeit“ herzustellen. Und an diesem Punkt wird es spannend, denn „Gerechtigkeit“, „Rache“ und „Selbstjustiz“ werden in unserer Gesellschaft leicht zu Synonymen.

Die großen Revolutionen der Geschichte endeten sehr oft mit rollenden Köpfen. Für die Opfer war lediglich der Tod der Herrschenden „Gerechtigkeit“. Sie konnten ihre „Gerechtigkeit“ somit nur in „Rache“ finden. Eine Revolution will sich von Herrschaft befreien. Das Problem liegt bei „sich“: Es geht nicht darum Herrschaft abzuschaffen, es geht darum sich selbst (und nur sich selbst) von Herrschaft zu befreien. Und wie geht das am einfachsten? Indem man selbst zum Herrschenden wird. Mit Wut im Bauch ein kleiner Schritt.

Andere Revolutionen mögen zwar weniger blutig gewesen sein, aber sofern Revolutionen Erfolg hatten, war es nun an den zuvor Beherrschten „Gerechtigkeit“ zu definieren. Die Machtverhältnisse wurden nicht abgeschafften, sondern neu verteilt. Selbst Marx konnte diesem Verständnis von „Gerechtigkeit“, das sich als Rachefantasie entpuppt, nicht entkommen. In seiner Vorstellung könnte man die Freiheit aller Menschen nur dann erreichen, wenn die im Kapitalismus unterdrückte Arbeiter*innenklasse, danach ein paar Jährchen herrschen darf. Also vom Unterdrücktem, zum Unterdrücker zu werden. Um es den Unterdrückern halt doch noch ein bisschen heimzuzahlen, bevor wir in der Utopie leben können. In Marxs Fantasie gibt die herrschende Arbeiter*innenklasse danach freiwillig die Macht ab. Gleichzeitig geht Marx aber davon aus, dass Kapitalist*innen ihre Macht niemals freiwillig abgeben würden. Das Ziel durch Herrschaft Freiheit zu generieren ist absurd. Das bestätigt uns leider auch die Geschichte.

Oben und Unten

Kurze Zeit nach vielen „erfolgreichen“ Revolutionen kristallisierte sich einfach eine neue Elite heraus. Entweder konkurrierten die Revolutionär*innen um die Spitze der Hierarchie, oder die aktuellen Machtverhältnisse konnten nur kurzzeitig geschwächt werden und die alten Eliten herrschten weiter.

Meine Bedenken zu Punkt 1 resultierten erstmals aus dieser Analyse zu Punkt 2. Wenn das Maximum was Revolutionen erreichen können nur eine Neuverteilung von Macht im bestehenden hierarchischen Herrschaftssystem ist, dann kann eine Revolution nicht die Lösung für unsere gegenwärtigen Krisen sein. Wenn wir die Lage ehrlich betrachten, liegt das Problem in Herrschaft an sich. Das Problem liegt an Hierarchien, denn solange diese unsere Gesellschaft „ordnen“, solange wir alles hierarchisieren, wird es immer ein Oben und ein Unten, Unterdrücker und Unterdrückte geben.

Begrifflichkeiten

Der Begriff Revolution ist recht klein und er stellt essenzielle Dinge nicht in Frage. Revolution hinterfragt nicht, warum wir seit Jahrtausenden Pyramiden fetischisieren. Revolution fragt nicht was danach kommt, wer danach „Freiheit“ definieren darf. Deshalb wird Revolution wahrscheinlich nie zur Freiheit aller führen. Reformation und Revolution sind zwei Pole eines binären Systems, das nur zwei Arten der Veränderung kennt: Reform, die vorhersehbare Veränderung und Revolution, die unvorhersehbare Veränderung.

Wenn also weder Reform noch Revolution uns retten können, was brauchen wir dann? Wir müssen unserem binären Denken entkommen und eine dritte Art der Veränderung in Betracht ziehen. Wir brauchen eine konstruktive Veränderung. Wir müssen uns weiter entwickeln und neue Wege finden mit dieser Wut umzugehen. Wir müssen erwachsen werden. Wir dürfen nicht mehr alles klein hauen, um ein neues Spiel zu spielen. Wir müssen erkennen, dass gewisse Dinge im Leben kein Spiel sind.

Wir müssen die nächste Stufe erreichen, vom Teenager zum Erwachsenen werden. Was die Menschheit braucht ist Evolution. Evolution ist konstruktiv. Sie zerstört nichts. Sie entwickelt weiter was funktioniert und lässt hinter sich was ineffizient ist. Evolution ist nüchterne Evaluation. Evolution ist entweder eine Stufe auf der Evolutionsleiter aufsteigen oder Aussterben. Das sind die Regeln unserer Natur. Wir kennen sie, da wir sie erforscht haben. Also sollten wir diesen Regeln auch Beachtung schenken. Reform und Revolution sind menschgemachte Lösungen für ein Problem in einem menschgemachten System. Im Moment steuert die Menschheit Richtung Aussterben, was klar ein ökologisches Problem ist (auch wenn wir uns die Suppe selbst eingebrockt haben). Wenn wir dieses ökologische Problem lösen wollen, können wir das nicht mit menschgemachten Lösungen, sondern nur mit ökologischen. Aussterben wäre die eine ökologische Lösung. Evolution die andere. Es liegt an uns zu entscheiden welchen Weg wir anstreben.

Katrin Graßl

Autorin & Sprachwissenschaftlerin, Feministin, Anarchistin, Anti-Kapitalistin, Historikerin & Pädagogin

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